Daoismus
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Der Daoismus, gemäß anderen Umschriften
auch Taoismus, ist eine chinesische Philosophie und
Religion und wird als Chinas eigene und authentisch
chinesische Religion angesehen. Seine historisch gesicherten
Ursprünge liegen im 4. Jh. v. Chr., als das Daodejing
(in älteren Umschriften: Tao te king, Tao te ching
…) des Laozi (Laotse, Lao-tzu) entstand.
Neben Konfuzianismus und Buddhismus ist der Daoismus
eine der „Drei Lehren“, die China maßgeblich
prägten. Auch über China hinaus haben die
„Drei Lehren“ wesentlichen Einfluss auf
Religion und Geisteswelt der Menschen ausgeübt.
In China beeinflusste der Daoismus die Kultur in den
Bereichen der Politik, Wirtschaft, Philosophie, Literatur,
Kunst, Musik, Ernährungskunde, Medizin, Chemie,
Kampfkunst und Geographie.
Verbreitung
Aufgrund der verschiedenen Ausprägungsformen,
der unklaren Abgrenzung zu anderen Religionen und der
mangelnden statistischen Erfassung in der VR China ist
die genaue Anzahl der Anhänger des Daoismus nur
schwierig zu erfassen. Ca. 8 Millionen Daoisten leben
heute auf Taiwan, wo viele der daoistischen Schulen
Zuflucht vor der Verfolgung durch die Kulturrevolution
suchten.
Die daoistische Vereinigung in der Volksrepublik geht
von ungefähr 60 Mio daoistischen Gläubigen
in der VR China aus.
Auch unter den Überseechinesen und in anderen
asiatischen Ländern wie Malaysia, Singapur, Vietnam,
Japan und Korea ist der Daoismus verbreitet.
Entstehung
Wann genau die daoistische Lehre entstanden ist, bleibt
unklar. Der Daoismus hat erst in einem langen Entwicklungsprozess
Form angenommen, wobei fortlaufend Strömungen des
Altertums integriert wurden. Die daoistische Lehre greift
viel Gedankengut auf, das in China zur Zeit der Zhou-Dynastie
(1040–256 v. Chr.) weit verbreitet war. Dazu gehören
die kosmologischen Vorstellungen von Himmel und Erde,
die Fünf Wandlungsphasen, die Lehre vom Qi (Energie),
Yin und Yang und das Yijing (I Ging), aber auch die
Tradition der Körper- und Geisteskultivierung,
die mit Atemkontrolle und anderen Techniken wie Taijiquan
und Qigong, Meditation, Visualisation und Imagination,
Alchemie und magischen Techniken Unsterblichkeit erreichen
wollte. Die Suche nach Unsterblichkeit, ein zentrales
Thema des Daoismus, geht wahrscheinlich auf sehr alte
Glaubensinhalte zurück, denn im Zhuangzi, einem
daoistischen Klassiker aus dem 4. Jh. v. Chr. werden
bereits die Xian erwähnt, die Unsterblichen, deren
wichtigste der gelbe Kaiser, Huang Di und die Königinmutter
des Westens, Xiwangmu, sind, Gestalten, die schon in
der Shang-Zeit im 2. Jahrtausend v.Chr. nachgewiesen
sind.
Laozi und das Daodejing
Ob es einen Denker namens Laozi (chin. ?? „Der
Alte Meister“) wirklich gegeben hat, wird heute
bezweifelt. Im Daoismus wird ihm das Daodejing (der
Klassiker vom Dao und vom De) zugeschrieben. Seine Biographie
ist von Legenden umrankt und äußerst umstritten.
Er soll zur Zeit der streitenden Reiche im 6. Jahrhundert
v. Chr. gelebt haben, die von Unruhen und Kriegen geprägt
war. Sie stellt eine Blütezeit der chinesischen
Philosophie dar, da viele Gelehrte sich Gedanken machten,
wie wieder Frieden und Stabilität erreicht werden
könnten. Man spricht daher auch von der Zeit der
Hundert Schulen. Das Daodejing enthält eine solche
Lehre, die sich an den Herrscher richtet und Frieden
hervorrufen will.
Das Daodejing wird auch mit dem Namen seines legendären
Verfassers als „Laozi“ bezeichnet. In seiner
heutigen Form wird es in zwei Bücher mit insgesamt
81 Kapiteln unterteilt. Der erste Teil behandelt das
Dao, der zweite das De. Das Buch stellt jedoch keine
logisch aufgebaute Konstruktion einer Weltanschauung
dar, sondern erscheint vielmehr als eine ungeordnete
Sammlung mystischer und dunkler Aphorismen, die zu eigener,
subjektiver Interpretation anregen. Daher entstanden
im Lauf der Zeit auch mehrere hundert Kommentare, die
den Text auslegen, sowie hunderte Übersetzungen.
Zhuangzi
Ganz anders geschrieben ist dagegen das Nanhua zhen
jing, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“
(eigentlich „Das wahre Buch aus Nanhua“,
der Stadt, aus der Zhuangzi stammt, der auch „der
wahre Mensch aus Nanhua“ genannt wurde). Es wurde
im 4. Jh. v. Chr., kurz nach der Entstehung des Daodejing,
von Zhuangzi (Dschuang Dsi, Chuang-tzu, etwa 369–286
v. Chr.) verfasst, nach dem es auch „Zhuangzi“
genannt wird. In ihm wird das Wesen des Daoismus in
oft paradoxen Parabeln und Anekdoten erläutert,
in welche philosophische Diskussionen eingeflochten
sind. Zhuangzi greift dabei einige Vorstellungen vom
Daodejing auf, weist aber andere weit von sich –
so ist zum Beispiel von der politischen Zielsetzung
des Laozi bei ihm nichts mehr übrig. Der weltabgewandte
Weise (Zhenren) ist hier das Idealbild. Wie beim Daodejing
ist auch hier die Autorschaft umstritten. Zwar ist Zhuangzi
mit Sicherheit eine historische Persönlichkeit,
das Buch wurde aber wahrscheinlich in großen Teilen
von seinen Schülern zusammengetragen.
Zur Zeit des Laozi und des Zhuangzi ist weder eine
philosophische noch eine religiöse Organisation
greifbar, die man Daoismus nennen könnte. Es gibt
nur vereinzelte Texte, die von daoistischem Gedankengut
zeugen und die später, als sich daoistische Organisationen
gründeten, als kanonische Schriften aufgefasst
wurden. Jedoch ist unstrittig, dass sich diese Texte
im Zusammenhang mit religiösen Praktiken und Glaubensinhalten
entwickelten.
Daoismus zwischen Philosophie und Religion
Die Unterscheidung zwischen Daoismus als Religion und
Daoismus als Philosophie, die lange Zeit von den chinesischen
Begriffen Daojia (??) und Daojiao (??) ausgehend in
der Sinologie verwendet wurde, ist begrifflich unscharf.
Sie stellt eher ein Hilfsmittel der westlichen Sinologie
dar, um verschiedene Aspekte der langen Geschichte des
Daoismus leichter beschreiben zu können. Dennoch
wird auch im Chinesischen zwischen philosophischem Daoismus
(chin. ??, dào jia) und religiösem Daoismus
(chin. ??, dào jiào) unterschieden. Der
Daoismus ist jedoch eine ebenso facettenreiche Erscheinung
wie andere Religionen auch. Im Laufe seiner über
zweitausendjährigen Geschichte haben sich die unterschiedlichsten
Lehren und Systeme herausgebildet, und von heutigen
Sinologen wird argumentiert, der religiöse Daoismus
sei die praktische Verwirklichung des philosophischen
Daoismus. Die Trennung von religiösem und philosophischem
Daoismus ist daher eine Vereinfachung, und es herrscht
Uneinigkeit in der Forschung, ob diese Unterscheidung
weiterhin verwendet werden sollte, weil sie der Komplexität
des Gegenstands nicht gerecht wird.
Das Begriffspaar ist immerhin von begrenztem Nutzen,
weil es in einer Beschreibung des Daoismus eine erste,
hilfreiche Gliederung ermöglicht. Der Sachverhalt
ist aber sehr viel mehrgestaltiger, als es diese Vereinfachung
nahe legt.
Grundzüge
Das Wort „Daoismus“ leitet sich ab von
„Dao“ (Tao), einem Begriff der chinesischen
Philosophie, der bereits lange vor dem Daodejing verwendet
wurde, aber erst in diesem Text seine zentrale Stellung
und besondere, universale Bedeutung erhielt. „Dao“
bedeutete ursprünglich „Weg“, im klassischen
Chinesisch aber bereits „Methode“, „Prinzip“,
„der rechte Weg“. Bei Laozi nimmt dann der
Begriff des Dao die Bedeutung eines der ganzen Welt
zugrunde liegenden, alldurchdringenden Prinzipes an.
Es ist die höchste Wirklichkeit und das höchste
Mysterium, die uranfängliche Einheit, das kosmische
Gesetz und Absolute. Aus dem Dao entstehen die „zehntausend
Dinge“, also der Kosmos, und auch die Ordnung
der Dinge entsteht aus ihm, ähnlich einem Naturgesetz,
doch ist das Dao selbst kein omnipotentes Wesen, sondern
der Ursprung und die Vereinigung der Gegensätze
und somit undefinierbar.
Philosophisch könnte man das Dao als jenseits
aller Begrifflichkeit fassen, weil es der Grund des
Seins, die transzendente Ursache ist und somit alles,
auch den Gegensatz von Sein und Nicht-Sein, enthält.
In diesem Sinne kann nichts über das Dao ausgesagt
werden, weil jede Definition eine Begrenzung enthält.
Das Dao ist aber sowohl unbegrenzte Transzendenz als
auch das dem Kosmos, dem All immanente Prinzip.
Das Wirken des Dao bringt die Schöpfung hervor,
indem es die Zweiheit, das Yin und das Yang, Licht und
Schatten, hervorbringt, aus deren Wandlungen, Bewegungen
und Wechselspielen dann die Welt hervorgeht.
Daoistische Ethik
Die ethische Lehre des Daoismus besagt, die Menschen
sollten sich am Dao orientieren. Indem sie den Lauf
der Welt beobachten, in welchem sich das Dao äußert,
können sie die Gesetzmäßigkeiten und
Erscheinungsformen dieses Weltprinzips kennen lernen.
Da das Dao sich im „Ziran“, dem „von-selbst-so-Seienden“,
der Natur, offenbart, steht es für Natürlichkeit,
Spontaneität und Wandlungsfähigkeit, und der
Weise erreicht die Harmonie mit dem Dao weniger durch
Verstand, Willenskraft und bewusstes Handeln, sondern
vielmehr auf mystisch-intuitive Weise, indem er sich
dem Lauf der Dinge anpasst. Denn es gibt im Kosmos nichts,
was fest ist: Alles ist dem Wandel unterworfen und der
Weise verwirklicht das Dao durch Anpassung an das Wandeln,
Werden und Wachsen, welches die phänomenale Welt
ausmacht.
In den Wandlungen der Phänomene verwirklicht jedes
Ding und Wesen spontan seinen eigenen „Weg“,
sein eigenes Dao, und es wird als ethisch richtig erachtet,
dieser Spontaneität ihren Lauf zu lassen und nicht
einzugreifen, also Wu wei, „Nicht-Eingreifen“
oder „Nicht-Handeln“ zu praktizieren. Die
Dinge und ihr Verlauf werden als sich selbst ordnend
und sich selbst in ihrer Natur entfaltend und verwirklichend
angesehen. Es erscheint dem Weisen als sinnlos, seine
Energie in einem stetigen Willensakt der Handlung (des
Eingreifens in das natürliche Wirken des Dao) zu
verschwenden, sondern das Tun sollte angemessen sein,
durch eine Verwirklichung reinen und nicht selbstbezogenen
Geistes, der geschehen lassen kann, ohne durch seine
eigenen Wünsche und Begierden verblendet zu sein.
Es wird also als klug angesehen, sich möglichst
wenig in das Wirken des Dao einzumischen oder sich ihm
gar entgegenzustemmen. Besser als durch große
Kraftanstrengungen werden Ziele verwirklicht, wenn dafür
die natürlichen, von selbst ablaufenden Vorgänge
genutzt werden, die durch das Dao bestimmt sind. Dieses
Prinzip der Handlung ohne Kraftaufwand ist eben das
Wu Wei. Indem der Weise die natürlichen Wandlungsprozesse
mitvollzieht, gelangt er zu einer inneren Leere. Er
verwirklicht die Annahme und Vereinigung von Gegensätzen,
denn das Dao, welches das Yin und Yang hervorbringt,
ist die Ursache und Vereinigung dieser beiden. Somit
verwirklicht der Weise im Einklang mit den natürlichen
Prozessen den Dreh- und Angelpunkt der Wandlungsphasen
von Yin und Yang, die leere Mitte der Gegensätze.
Das Daodejing liefert die Weltanschauung, die das Ideal
des daoistischen Weisen blieb: Gleichmut, Rückzug
von weltlichen Angelegenheiten und Relativierung von
Wertvorstellungen sowie Natürlichkeit, Spontaneität
und Nicht-Eingreifen. Nach daoistischer Auffassung führt
nur die Übereinstimmung mit dem Dao zu dauerhaftem
und wahrem Glück, während die Involviertheit
in weltliche Angelegenheiten zu einem Niedergang der
wahren Tugend (De) führt. Deshalb ist es ratsam,
Gleichmütigkeit gegenüber Gütern wie
Reichtum und Komfort zu erlangen, und sich vor übermäßigen
Wünschen zu hüten.
Daoismus als Religion
Daoistischer Priester am Tai Shan.Den Unterschied zwischen
philosophischem und religiösem Daoismus, den dieser
Artikel aus pragmatischen Gründen verwendet (s.
o.), könnte man derart fassen, dass der philosophische
Daoismus das Ideal des Weisen hat, der das Dao verwirklicht,
indem er eine bestimmte Geisteshaltung einnimmt, während
der religiöse Daoist danach strebt, Erleuchtung
zu erlangen und das Dao zu verwirklichen, indem er durch
unterschiedliche Methoden wie Meditation (Qigong, Taijiquan),
Konzentration, Visualisation, Imagination, Atemtechniken,
Alchemie, Ritual und Magie aus Geist und Körper,
dem Mikrokosmos, ein Abbild des Makrokosmos erschafft
und auf diese Weise eins wird mit dem Universum und
dem ihm immanenten Dao.
Das erste gesicherte Datum des Daoismus als Religion
ist das Jahr 215 n. Chr., als Cao Cao die Kirche der
Himmelsmeister anerkannte. Der Daoismus weist kein geschlossenes
oder einheitliches System auf, da er sich auf viele
heterogene Quellen bezieht.
Viele Schulen des Daoismus strebten nach Unsterblichkeit
und sind wahrscheinlich aus schamanistischen Techniken
und Unsterblichkeitskulten entstanden (s.Fangshi), die
sich dann während der Han-Zeit mit der philosophischen
Richtung des Daoismus verbunden haben. Das höchste
Ziel des religiösen Daoismus ist die ewige Glückseligkeit
als Xian (Unsterblicher).
Alle Schulen des Daoismus streben danach, zum Ursprung
zurückzukehren, dies wird in daoistischen Begriffen
z.B. die Rückkehr zum Einen, zur Perle, die Rückkehr
zum Zustand, bevor es Himmel und Erde gab oder die Erschaffung
des kosmischen Embryo genannt. Diese Rückkehr geschieht,
indem der daoistische Adept ein klassifizierendes System
benutzt, dessen kosmologische Grundlagen Yin und Yang,
die fünf Wandlungsphasen sowie andere numerologische
Koordinaten sind, und sich in den Mittelpunkt des so
von ihm konstruierten Kosmos begibt und einordnet, verbindet,
bestimmt und benennt, um eine Integration zu erreichen
und aus der Welt ein Instrument des Geistes zu machen.
Die daoistischen Götter, auch „Unsterbliche“
genannt, haben oft keine Geschichte, andere gehen auf
historische oder legendäre Personen zurück,
die als bedeutend für die Entwicklung von Land
und Volk angesehen werden. Sie stellen aber eher eine
Inkarnation von Funktionen als Individuen oder Götter
im westlichen Verständnis dar. Neben den Göttern,
von denen der Adept geheiligt wird, gibt es auch Götter,
über die er befehlen kann. Die Triade der höchsten
Gottheiten stellen die Drei Reinen dar.
Das daoistische Paradies liegt im Kunlun-Gebirge im
Westen, es gibt jedoch auch noch andere Gefilde der
Seligkeit, wie die Penglai-Inseln, auf denen die Wunderpflanze
der Unsterblichkeit wächst. Die Höllenvorstellungen
des Daoismus sind aus dem Buddhismus übernommen.
Verhältnis zum Buddhismus
Als der Buddhismus im 2. Jahrhundert nach China kam,
wurde er erst als eine seltsam verzerrte Variante des
Daoismus wahrgenommen, weil die ersten Übersetzer
von buddhistischen Konzepten Begriffe aus der daoistischen
Lehre verwendeten. Außerdem besagte eine daoistische
Legende, dass die Gründerfigur Laozi nach Westen
ausgewandert sei. In China erklärte man daher einfach,
Laozi sei nach Indien gekommen und hätte als Buddha
die „Barbaren“ zum Daoismus bekehrt; diese
hätten die Lehre aber nicht vollkommen begriffen,
und so sei der Buddhismus entstanden.
Durch diese Auffassung herrschte anfangs eine gewisse
Nähe und ein reger Austausch von Ideen; der Daoismus
übernahm beispielsweise vom Buddhismus die Höllenvorstellungen
und die Organisation seines Mönchswesens, aber
auch Dogmatik, Götterwelt, Liturgien, Terminologie
und kirchliche Organisation sind durch den Buddhismus
beeinflusst worden.
Durch die gegenseitige Beeinflussung von Daoismus und
Buddhismus entstanden auch neue Schulen. Ein erfolgreiches
Beispiel einer solchen Verschmelzung ist der Chan-Buddhismus
(chin. ?, chán, W.-G. ch'an; Japanisch: ? zen;
Koreanisch: ? seon; Vietnamesich: ? „Thi?n“).
Sein Einfluss war prägend für die chinesische
Tang- und Song-Zeit und hält in Japan, Korea, und
Vietnam bis heute an. Ein Beispiel für die Übernahme
buddhistischer Ideen ist die daoistische Schule Quanzhen.
Die Himmelsmeister
Im 2. Jahrhundert entstand die erste daoistische Organisation
beziehungsweise „Kirche“, als Zhang Daoling
(Chang Tao Ling) 142 n. Chr. in Sichuan die Bewegung
der Himmelsmeister (tianshi dao) gründete. Zhang
Daoling nahm dabei vermutlich Anleihen beim Buddhismus,
möglicherweise auch beim monotheistischen Mazdaismus.
In der Gruppe, die nach einer Abgabe, die ihre Anhänger
zu leisten hatten, auch „Fünf-Scheffel-Reis“-Bewegung
(wudoumi dao) genannt wird, herrschten messianische
und revolutionäre Gedanken vor: Die Han-Dynastie
sollte gestürzt werden, damit der Himmelsmeister
Zhang Daoling regieren und die Endzeit beginnen konnte.
In der Geschichte des Daoismus bildeten sich immer wieder
auch andere Geheimbünde wie die Gelben Turbane,
die Roten-Augenbrauen-Sekte oder die Taiping-Sekte,
die häufig auch politische Ziele verfolgten.
Etwa 30 Jahre lang existierte sogar ein Himmelsmeister-Staat,
der durch einen großen Verwaltungsapparat charakterisiert
war. Die Bürokratie spiegelte die Vorstellung vom
Himmel wieder, der im Glauben der Himmelsmeister auch
bürokratisch gegliedert ist. Bitten und Gebete
wurden in Formularen verfasst und durch Verbrennung
an die jeweils zuständigen Gottheiten geschickt.
In der Himmelsmeister-Bewegung entstand eine ausgeprägte
Ethik und ein daoistischer Kultus. Durch die Pflichtbeiträge
entwickelten sich die Gemeinden zu ökonomisch bedeutsamen
Organisationen. Unter der Wei-Dynastie (386–534)
traten immer mehr Mitglieder der Aristokratie der Himmelsmeister-Bewegung
bei und einer der Wei-Kaiser erklärte den Daoismus
sogar zur Staatsreligion. Auch viele Dichter und Künstler
gehörten ihr an. Ab dem 2. Jh. wurde auch Laozi
nicht mehr nur als alter Weiser gesehen, sondern als
Gott verehrt. Ebenso wurde aus dem abstrakten Begriff
des Dao eine personale Gottheit. Jedoch stellen die
Götter des Daoismus eher eine Verkörperung
von Funktionen als individuelle Entitäten dar.
Die Ritualgötter sind im Allgemeinen entweder abstrakte
Instanzen oder Verkörperungen von Naturkräften,
zum Beispiel der Erde, der Flüsse, des Regens,
der Berge. Auch der vergöttlichte Laozi stellt
eher eine Hypostase des Dao und des daoistischen Heiligen
dar, wie Zhuangzi ihn beschrieb, weniger eine personale
Gottheit, wie sie der westlichen Vorstellung entspricht.
Entwicklung zur Volksreligion
Schon die daoistischen Philosophen verwendeten bildhafte
Geschichten und alte Volkssagen, um ihre Ideen zu erläutern.
Während der Han-Zeit verband sich der Daoismus
mit älteren kosmologischen, theologischen und anthropologischen
Vorstellungen, deren Spuren sich schon in der Shang-Zeit
finden lassen. Diese älteren Vorstellungen stammen
wahrscheinlich aus Unsterblichkeitskulten und der schamanistischen
Tradition (siehe Fangshi). Auch mehr und mehr volkstümliche
Bräuche, Riten und buddhistische Elemente hielten
Einzug in die daoistischen Praktiken. Die daoistische
Religion wurde polytheistisch und definierte sich durch
eine gemeinsame liturgische Tradition. Es entstand ein
reichhaltiger Götterhimmel, dessen genaue Ausformung
sich von Schule zu Schule unterscheiden konnte, in dem
sich aber drei oberste Gottheiten, die Drei Reinen,
herauskristallisierten: Yuanshi tianzun, der Himmelsehrwürdige
des Uranfangs, Daojun oder Lingbao tianzun, der Herr
des Dao bzw. Himmelsehrwürdige des magischen Juwels
und Daode tianzun oder Taishang Laojun, der Himmelsehrwürdige
des Dao und des De bzw. der höchste Herr Lao, welcher
der vergöttlichte Laozi ist.
Das liturgische System bildet den formalen Rahmen für
unterschiedliche lokale Kulte und das daoistische Pantheon
wird bevölkert von kosmischen Gottheiten, Naturgöttern,
Dämonen, Geistern, Unsterblichen (Xian) und Vollkommenen
(Zhenren). Sitz des Pantheons sind heilige Berge und
Grotten, die ein mikrokosmisches Abbild des Makrokosmos
darstellen, sowie Tempel, Altar und Körper.
Durch die Himmelsmeister-Kirche Zhang Daolings vollzog
sich eine gewisse Vereinigung der verschiedenen daoistischen
Gemeinschaften. Diese starke und breitenwirksame Organisation
wurde während der Sui- und Tang-Dynastie zu einer
echten Volksreligion und religiösen Macht. Die
Dynastie der Tang behauptete, von Laozi abzustammen
und machte seine Verehrung zu einem offiziellen Kult.
Der daoistische Kaiser Xuanzong gründete landesweit
daoistische Tempel und hatte eine große Vorliebe
für daoistische Rituale. Aus der Ming- und Tangdynastie
gibt es auch die meisten daoistischen Schriften. Es
handelte sich um die Blütezeit des Daoismus.
Unter der Song-Dynastie (960–1279) wurde der
Daoismus dann vollständig in die Volkskultur integriert,
u. a. dadurch, dass die lokalen und regionalen Organisationen
durch Kaiser Zhenzong zu einem Netzwerk offiziell geförderter
Tempel zusammengeschlossen wurden, die auch säkulare
Aufgaben wie die Organisation von Märkten und das
Eintreiben der Handelssteuer übernahmen.
Als Chinas letzte Dynastie, die Qing im Jahre 1644
gegründet wurde, wurde der Daoismus mit Restriktionen
und Verboten belegt, da die Qing dem orthodoxen Konfuzianismus
nahe standen und die Mandschu Angst vor chinesischem
Nationalismus hatten, weshalb sie lokale Organisationen
unterdrückten. Im Taiping-Aufstand 1849 wurden
dann sämtliche Tempel, sowohl buddhistische als
auch daoistische, zerstört und im Verlauf des 20.
Jh. verstärkte sich die Tendenz immer mehr, die
ursprüngliche chinesische Religion zu zerstören.
Daoistische Praktiken
Im Laufe der Jahrtausende entstanden in China eine
Vielzahl daoistischer Schulen mit unterschiedlichen
Lehrinhalten und Praktiken. Ein Hauptmerkmal des religiösen
Daoismus war jedoch in vielen Schulen die Suche nach
Unsterblichkeit. Viele Praktiken haben ihre Ursprünge
in den Praktiken der Fangshi des Altertums. Der daoistische
Kanon (Daozang) der in seiner letztgültigen Fassung
1442 zusammengestellt wurde, gibt von den unterschiedlichen
Praktiken einen Eindruck. Er enthält tausende von
Werken, und die Texte handeln u. a. von Philosophie,
Liturgie, Ritualistik, Magie, Sexualpraktiken, Medizin,
Imagination und mythischen Welten, Hagiographien, dem
Yijing (I Ging), Alchemie, Moral, Meditationstechniken
und Hymnen.
Die ersten Texte, die eine detaillierte Beschreibung
der nach innen gewendeten Meditation gaben, waren die
der Shangqing-Schule, bzw. das Shangqingjing (Buch der
großen Reinheit), welche ab dem 4. Jh. n. Chr.
entstanden. Die Shangqing Meditationen enthalten unterschiedliche
Elemente: Der Adept verkehrt rituell und imaginativ
mit Göttern, rezitiert heilige Texte und visualisiert
und durchläuft komplex strukturierte Elemente und
Prozesse der Kosmologie, Mythologie und Symbolik des
Daoismus. Die Visualisationen dieser Schule stellen
Reisen in geistige Welten dar, wie sie schon von den
Schamanen der Shang-Zeit ausgeführt worden sein
sollen. Sie führen in Reiche der irdischen Paradiese,
der Götter, der stellaren Welten, der Bewegungen
von Yin und Yang und der verschiedenen Formen von Qi
(Energie). Das Ziel der komplexen Techniken ist es,
durch die Harmonisierung von Geist und Körper zur
ursprünglichen Einheit zurückzukehren. Wiederholt
stellen Kenner daoistischer Praktiken die Behauptung
auf, bei diesen Reisen handele es sich – zumindest
bei einigen Adepten – um außerkörperliche
Erfahrungen.
Im Streben nach Unsterblichkeit entwickelten Daoisten
viele alchemistische Techniken, später dann auch
Techniken der inneren Alchemie. Einer der Vertreter
dieser Richtung war Ge Hong. Etwa seit dem 4. Jahrhundert
n. Chr. wurde versucht, Elixire oder Pillen herzustellen,
die das Leben verlängern. Dabei spielten Zinnober
(Dan), Quecksilber (Gong) und Gold (Jin) eine besondere
Rolle. Durch die Eigenschaften, die sie in chemischen
Reaktionen zeigen, galten sie als Elemente, die die
Unwandelbarkeit in äußerlicher Veränderung
(ein zentrales Merkmal des Dao) verkörpern. Viele,
die sich von den Pillen Langlebigkeit versprachen, starben
an Quecksilbervergiftung, was wohl einer der Gründe
dafür war, dass die Alchemie bis zum Ende der Tang-Zeit
immer unpopulärer wurde und verstärkt eine
Hinwendung zur inneren Alchemie stattfand. Durch die
alchemistischen Forschungen wurden jedoch auch andere
Gebiete befruchtet, beispielsweise entstanden dadurch
das Schießpulver und halluzinogene Drogen, ebenso
wurde die Medizin beeinflusst.
Die Shangqing-Meditationen zeigen bereits eine Hinwendung
von der äußeren zur inneren Alchemie, die
sich im 9. Jh. dann vollends ausbildete. Anstatt Substanzen
im Labor zu mischen, wurde der eigene Körper und
Geist als „inneres Labor“ verstanden. Es
galt nun, durch meditative Techniken das uranfängliche
Chaos zu strukturieren und durch Kultivierung von Vitalität
(Jing), Energie (Qi) und belebendem Geist (Shen) die
Leere und Einheit zu verwirklichen.
Voraussetzung für diese Praktiken ist die Vorstellung,
dass Analogien zwischen allen Ebenen bestehen, das heißt,
dass Kosmos, Erde und Mensch analog strukturiert sind
und sich in allen Details entsprechen.
Eine Schule, die sich durch Beeinflussung durch den
Buddhismus verstärkt dem liturgischen Ritual zuwandte,
war die Lingbao Pai.
Ein weiterer Abkömmling des Daoismus ist das Feng
Shui, welches ursprünglich Geomantie war, später
sich aber darauf bezog, die Umgebung des Menschen nach
bestimmten Prinzipien zu ordnen, um Glück, Erfolg
und Harmonie zu erzeugen.
Der Daoismus in der Volksrepublik China
Der Daoismus im 20. Jahrhundert zeichnet sich dadurch
aus, dass es keine einheitliche Lehre gibt, sondern
eine Vielzahl von Theorien und Praktiken, darunter auch
sektiererische Entwicklungen und unorthodoxe Bewegungen.
Unter der sozialistischen Diktatur wurden die Religionen
Chinas unterdrückt und verfolgt, während der
Kulturrevolution wurden viele Klöster und Tempel
zerstört, Schriften vernichtet und die Mönche
und Nonnen umerzogen oder getötet. Im Untergrund
waren die daoistischen Lehren in China jedoch immer
vorhanden. Mittlerweile besinnt man sich auch in der
Volksrepublik wieder auf das religiöse Erbe sowie
auf das daoistische Handlungswissen in Bezug auf die
Heilkunst. Viele Klöster und Tempel wurden wieder
aufgebaut, Ausbildungsstellen für Mönche und
Nonnen geschaffen und sogar einige universitäre
Forschungsstellen für Daoismus eingerichtet. Es
gibt um die Jahrtausendwende in der VR China ungefähr
3000 daoistische Heiligtümer, die von ca. 25 000
Nonnen und Mönchen bewohnt werden. Die daoistischen
Tempel sind teilweise ökonomisch unabhängig,
indem sie Hotels, Restaurants, Teehäuser oder Souvenirgeschäfte
und Kampfkunstschulen betreiben und daoistische Organisationen
engagieren sich in öffentlichen Bereichen wie dem
Umweltschutz, Bildung oder Katastrophenhilfe.
Der Staat hat in der Volksrepublik eine offizielle
Version des Daoismus durchgesetzt, die Wohlwollen, Patriotismus
und den Dienst an der Öffentlichkeit betont. Die
Ausbildung eines Daoisten in der Volksrepublik umfasst
daoistische Doktrin, Rituale, Musik, Kalligrafie, Philosophie,
Kampfkunst und Englische Sprache. Viele daoistische
Priester sind jedoch nicht gemeldet und gehören
nicht den Regierungsorganisationen an, sodass die Statistiken
widersprüchlich sind. Die wieder aufgebauten Tempel
sind gut besucht und zu einigen Anlässen wie dem
Laternenfest kommen Zehntausende von Pilgern, woraus
man schließen kann, dass der Daoismus auch in
der Volksrepublik noch eine große Rolle spielt.
Viele Daoisten flohen nach Taiwan oder Südostasien,
wo der daoistische Kultus nach wie vor blüht. Im
heutigen China existieren noch zwei Hauptlinien der
religiösen daoistischen Tradition, der Quanzhen-Daoismus
(Schule der vollständigen Wahrheit), auch als neidan,
innere Alchemie, bezeichnet, und der Zhengyi-Daoismus
(Schule der orthodoxen Einheit), welcher direkt auf
die Tradition der Himmelsmeister zurückgeht.
Die Quanzhen-Daoisten leben monastisch und zölibatär
und legen die Hauptpraxis auf Meditation, während
die Zhengyi-Daoisten heiraten dürfen und auch in
priesterlichen und magischen Funktionen, beispielsweise
als Ritualpriester bei Tempeln, Familien und Einzelpersonen,
d. h. auch bei Begräbnis- und Hochzeitsriten oder
Exorzismen und Heilungen arbeiten. Der Zhengyi-Daoismus
besitzt im Gegensatz zum Quanzhen, der stark buddhistisch
beeinflusst ist, eine ausgeprägte Ritualistik und
magische Praktiken. Die Rituale führen sich zu
einem großen Teil auf die Schule der Lingbao Pai
zurück. Die Tempel, in die die Zhengyi-Priester
eingeladen werden, verehren meistens Lokalgötter
und viele volkstümliche Elemente, sowie auch teilweise
schamanistische Elemente wurden in den heutigen Zhengyi-Daoismus
aufgenommen.
Es werden Rituale zu vielen Anlässen durchgeführt:
Dem Geburtstag des Lokalgottes, der Restauration eines
Tempels oder um eine neue Götterstatue einzuweihen.
Ein Ritual kann bis zu neun Tage dauern, und ist oft
verbunden mit Theateraufführungen, Prozessionen
und Opfern. Viele Rituale sind ausgeprägt liturgisch.
Das Hauptritual ist eines der kosmischen Erneuerung
und Rückverbindung.
Die monastische Quanzhen-Schule unterscheidet sich
vom Zhengyi durch das zurückgezogene Leben der
Meditation und inneren Alchemie, ohne der Allgemeinheit
die Arbeit in einem Ritualservice anzubieten und ihn
durchzuführen. Innere Alchemie strebt nicht nach
Herstellung eines Stoffes oder physischer Unsterblichkeit,
sondern stellt eine Erleuchtungstechnik dar, eine Methode
der Ordnung von Selbst und Welt. Sie ist eine operative
Disziplin, die durch einen schöpferischen Akt zur
Geburt eines neuen Menschen führen soll und die
Erhöhung des Geistes über die Welt anstrebt.
Da die Quanzhen-Schule viele Elemente des Buddhismus
übernommen hat, besitzt sie einen stark spekulativen
Charakter und die Texte dieser Schule sind durch bestimmte
Merkmale charakterisiert: Die geistige und physische
Schulung, die Praxis unterschiedlicher Techniken wie
Atemübungen, Visualisationen und innerer Alchemie,
die Übernahme bestimmter Spekulationen des Buddhismus,
z. B. über Wu (Leere) und You (Dasein) und die
Methode der Gong'ans (jap. Koan), die Übernahme
konfuzianischer Werte und die systematische Verwendung
des Yijing, sowie alchemistischer Techniken in einer
metaphorischen, geistigen Form.
Techniken der Shangqing-Schule werden nach wie vor
von Zhengyi und Quanzhen praktiziert.
Der Daoismus im Abendland
Die Geschichte der Rezeption des Daoismus in der westlichen
Welt ist ungefähr 200 Jahre alt, und vor allem
das Daodejing beeinflusste u. a. Kunst, Literatur, Psychologie
und Philosophie.
Die erste Übersetzung des Daodejing ins Lateinische
durch einen Jesuiten stammt aus dem Jahr 1788. Von den
60er Jahren des 19. Jh. bis Anfang des 20. Jh. erschienen
dann größere Mengen an Laozi-Übersetzungen,
die hauptsächlich von Missionaren angefertigt wurden,
sodass es nicht verwunderlich ist, dass die meisten
dieser Übersetzungen tendenziös christlich
sind. Auch die im deutschen Sprachraum bekannteste Übersetzung
von Richard Wilhelm kann ihren christlichen Hintergrund
nicht leugnen.
Im 19. Jh. wurde dann die Rezeption des Daoismus im
Westen stark durch die Theosophische Gesellschaft, die
eine Mischung aus indischer Mystik und westlichem Okkultismus
propagierte, beeinflusst.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges verstärkte
sich das Interesse an östlicher Weisheit und insbesondere
die Pazifisten wendeten sich dem Wu wei, dem Nicht-Handeln
zu. So rief beispielsweise der deutsche Dichter Klabund
im Jahr 1919 in seiner Schrift „Hör es Deutschland“
das Volk auf, nach dem heiligen Geist des Dao zu leben,
und in Deutschland brach durch die Übersetzungen
des Zhuangzi und des Laozi durch Richard Wilhelm und
durch Martin Buber eine regelrechte Daoismus-Euphorie
aus, die sich unter Literaten und Künstlern verbreitete.
So wurden insbesondere Hermann Hesse, Alfred Döblin
und Bertolt Brecht durch diese Übersetzungen beeinflusst.
Döblins Roman „Die drei Sprünge des
Wang-Lun“ und Charles Waldemars „Das Kleinod
des Lao-Tse“ zeigen zum Beispiel eine starke Annahme
daoistischen Gedankengutes, insbesondere des Wu wei,
und Hesses gesamtes Werk ist von östlicher Philososphie
durchdrungen, während Brecht im Daoismus eher eine
Überlebensstrategie für die Zeit des Nationalsozialismus
sah.
Die Rezeption des Daoismus durch die Psychologie fällt
auch in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Carl Gustav
Jung fand in Übersetzungen der daoistischen Werke
„Das Geheimnis der goldenen Blüte“
und des älteren „Yi Jing“ durch Richard
Wilhelm starke Anregungen zur Entwicklung seiner eigenen
psychologischen Theorien und er schrieb zu beiden das
Vorwort.
In den 20er Jahren wurden dann die Ideen des Daoismus
durch den damals populären Philosophen Hermann
Graf Keyserling aufgenommen und verbreitet, der in den
daoistischen Klassikern die tiefsten Aussprüche
zur Lebensweisheit fand.
Auch der Philosoph Martin Heidegger wurde durch Übersetzungen
daoistischer Texte durch Richard Wilhelm und Martin
Buber inspiriert, jedoch auch der Zen-Buddhismus beeinflusste
sein Werk. Heideggers nicht nihilistische Darstellung
vom Nichts als „Fülle“ scheint direkt
auf den Daoismus zurückzugehen.
Karl Jaspers, ein anderer Existenzphilosoph dieses
Jahrhunderts schrieb das Werk „Lao-tse/Nagarjuna-zwei
asiatische Mystiker“, in dem er sich um das Verständnis
des Daoismus bemühte, und auch Ernst Bloch setzte
sich mit dem Daoismus auseinander.
In den 50er Jahren fand der Daoismus dann über
den Umweg des Zen-Buddhismus Eingang in die westliche
Kultur. Die Poeten und Künstler der beat generation
fanden Gefallen an den Ideen des Zen und popularisierten
ihn. Breiten Raum fand dabei die Darstellung des Daoismus
als Ursprung des Zen wie z. B. in Alan Watts Werk „The
Way of Zen“, der später zum Begründer
eines amerikanischen Daoismus wurde, durch das Buch
„Tao: The Watercourse Way“, dessen Ideen
sich besonders in der Hippie-Bewegung ausbreiteten.
In den 70er und 80er Jahren wurde dann das Dao als
Allheilmittel für die erkrankte westliche Kultur
in Europa gesehen. Der Daoismus wurde trivialisiert
und vornehmlich auf die ältere Yin und Yang Lehre
bezogen und breitete sich in dieser Form in der New
Age Bewegung aus.
Nach Fritjof Capras „Das Tao der Physik“
von 1976 erschienen dann größere Mengen an
populärdaoistischen und trivialisierten Werken
wie „Das Tao Kochbuch“ oder „Easy
Tao“, wobei Capras Ansatz eine verstärkt
oberflächliche Popularisierung des Dao eingeleitet
hatte.
Peter Sloterdijk reagierte demgemäß in seinem
Buch „Eurotaoismus“ spöttisch auf dieses
„östliche Philosophie fast food“.
Inzwischen ist der Daoismus durch die Esoterik-Welle
zum integralen Bestandteil der westlichen Kultur geworden
und ein Viertel des Esoterik-Buchhandels wird mit Werken
zum Daoismus bestritten.
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