Daodejing
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Das Daodejing ist eine Sammlung von metaphysisch und
humanistisch gedeuteten Spruchkapiteln, die dem legendären
Laozi zugeschrieben wird, nach dem es auch genannt wird.
Die Entstehungsgeschichte ist ungewiss und Gegenstand
sinologischer Forschung.
Ungeachtet weiterer Übersetzungen bedeuten Dao
(Tao) „ Weg, Prinzip“ oder „Sinn“,
und De (Te) „Kraft, Leben“ oder „Charisma,
Tugend, Güte“. Jing (Ging, King) bezeichnet
einen Leitfaden bzw. eine klassische Textsammlung. Die
beiden namengebenden Begriffe „Sinn“ und
„Leben“ (R. Wilhelm) werden in Europa wie
algebraische Zeichen für etwas Unaussprechliches
verwendet, auf deren eigentliche Bedeutung das Buch
in seiner Übersetzung hindeuten möchte. Das
Werk gilt als die Gründungsschrift des Daoismus.
Obwohl dieser verschiedene Strömungen umfasst,
die sich vom Daodejing erheblich unterscheiden können,
wird es von den Anhängern aller daoistischen Schulen
als kanonischer, heiliger Text angesehen.
Das Buch
Schreibweisen
In der chinesischen Schrift gibt es durch eine Schriftreform
zwei mögliche Schreibweisen für das Wort.
Auch für die Umschrift in das lateinische Alphabet
gibt es verschiedene Varianten, die sich im Laufe der
Zeit entwickelt haben. Mehr und mehr wird heute die
Pinyin-Umschrift verwendet.
Der Name Laozi heißt sinngemäß „der
alte Meister“ und bezeichnet den Autor des Daodejing.
Außer dem „überzeitlichen“ Buch
selbst liegen uns nur eine winzige Legende und einige
Erwähnungen späterer Geschichtsschreiber (Sima
Qian) sowie ein paar fiktive Gespräche (geschrieben
von Schülern des Konfuziuss und des Zhuangzi) von
ihm vor, weshalb er historisch nicht greifbar ist. Ob
es den „Beamten“ Li Er, Gelehrtenname Be
Yang (Graf Sonne), später Lao Dan (alter Lehrer),
wirklich gegeben hat, wird heute daher stark angezweifelt.
„Und doch spricht uns aus den vorliegenden Aphorismen
eine originale und unnachahmliche Persönlichkeit
an, unseres Erachtens der beste Beweis für ihre
Geschichtlichkeit.“ (R.Wilhelm)
Der chinesischen Tradition zufolge soll Laozi zur Zeit
der Streitenden Reiche im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt
haben, die von Unruhen und Kriegen geprägt war.
Es war eine Blütezeit der chinesischen Philosophie,
weil viele Gelehrte sich Gedanken machten, wie wieder
Frieden und Stabilität erreicht werden könnten.
Der Legende nach war Laozi ein kaiserlicher Archivar
und Bibliothekar. So wird erzählt, dass Konfuzius
ihn aufsuchte, um von ihm zu lernen. Um den Wirren der
Zeit zu entfliehen, soll Laozi sich in die Einsamkeit
der Berge zurückgezogen haben. Der Grenzwächter
des Bergpasses forderte ihn jedoch auf, der Welt seine
Weisheit nicht vorzuenthalten, woraufhin Laozi das Daodejing
schrieb und dem Grenzwächter überreichte.
Diese Geschichte wird heute ebenso wie die anderen Teile
der Biographie des „alten Meisters“ von
den meisten als Legende betrachtet.
Textgestalt
Zeit: Über die genaue Entstehungszeit des Daodejing
gehen die Meinungen der Forschung sehr auseinander:
Die Mutmaßungen reichen von 800 bis 200 vor Christus.
Wahrscheinlich ist der Text aber um 400 v. Chr. entstanden.
Zwar finden sich Zitate aus dem Daodejing in vielen
anderen Überlieferungen dieses Zeitraums, es lässt
sich aber nicht mit Sicherheit klären, wer wen
zitiert hat. Es enthält eine Handvoll expliziter
Zitate, jedoch nicht die Namen der Urheber. Und es enthält
keinerlei historische Bezüge. Deshalb ist die Zeitbestimmung
für die Auffassung des Textes unwichtig.
Form: Den Titel Daodejing bekam das Werk erst von dem
Han-Kaiser Jing (157–141 v. Chr.). Auch die heutige
Einteilung in 81 Abschnitte erhielt der Text erst im
3. Jahrhundert. Man vermutet, dass der Text die schriftliche
Fassung einer älteren mündlichen Überlieferung
ist und er weitere Überlieferungen aufgegriffen
und integriert hat. Die überlieferte Form des Textes
ist nicht die einzige, die je existierte. In einem Grab
in Mawangdui wurde eine Textfassung gefunden, die aus
dem 1. Jahrhundert v. Chr. stammt und teilweise vom
tradierten Text abweicht. Auch gibt es den vor kurzem
entdeckten, sogenannten Guodian-Text, der aber noch
nicht genügend in der Fachliteratur Beachtung gefunden
hat, um daraus Schlüsse ziehen zu können.
Merkmale: Das Daodejing stellt sowohl eine Art Leitfaden
zur Persönlichkeitsentwicklung als auch einen politischen
Leitfaden zur Haltung des Herrschers und zur Entwicklung
des Staates dar. Sein Stil und Wortschatz sind typisch
für das klassische Chinesisch. Die durch die linguistische
Struktur des klassischen Chinesisch bereits vorhandene
Informationsdichte wird durch die Form des Textes als
Gedicht noch verstärkt. Es besteht eine extreme
Kontextabhängigkeit zur Interpretation des Textes.
Auch enthält der Text einige rätselhafte Textstellen,
die schwierig oder gar nicht zu verstehen sind.
Übersetzungen
Das Daodejing ist vermutlich (nach der Bibel) der meistübersetzte
Text überhaupt - mit mindestens 200 englischen,
etwa 100 deutschen und mindestens 300 weiteren Übersetzungen
(davon ca. 70 in Spanisch, 60 in Französisch, je
50 in Italienisch und Holländisch) [H. Klaus, nach
J.P. Gumbert].
Der Umgang mit Übersetzungen dieses Textes ist
problematisch: Schon im Chinesischen bereiten Überlieferungsschäden
und inhaltliche Vieldeutigkeit den Interpreten Schwierigkeiten,
weshalb mehrere hundert Kommentare zum Text entstanden
sind. Durch die Übersetzung in eine andere Sprache
verliert die Schrift nochmals an Klarheit und schließlich
lässt es sich kaum vermeiden, dass der Übersetzer
in dem Bestreben, einen lesbaren Text zu liefern, mit
seiner Übersetzung zugleich eine Deutung vorlegt.
Den folgenden Ausführungen liegen diese Übersetzungen
zugrunde:
1) Laotse: Tao te king, übersetzt von Richard
Wilhelm, Jena 1910 (W)
Inhalt und Interpretation
Dao und De
Der heutige Titel des Werks – „Das Buch
vom Dao und vom De“ – verweist auf die beiden
zentralen Begriffe der Weltanschauung Laozis. Es gibt
verschiedene Übersetzungen dieser beiden Wörter;
relativ sprachgenau sind „Weg“ (Debon, Stuttgart
1961) oder „Sinn“ (Wilhelm) für Dao
und „Tugend“ (chin. Definition: „was
die Wesen erhalten, um zu entstehen“) für
De. De kann aber auch mit Charisma oder im weiteren
Sinne „Leben“ übersetzt werden. Die
Begriffe finden in allen Richtungen chinesischer Philosophie
Verwendung, erhalten im Daodejing aber eine besondere
Bedeutung, wo sie erstmals im Sinne einer höchsten/tiefsten
Wahrheit/Wirklichkeit und eines umfassenden Prinzips
gebraucht wurden.
Anders als andere chinesische philosophische Texte
geht das Daodejing bei diesen Begriffen weder definitorisch
noch anschaulich erklärend vor, sondern beschränkt
sich auf dunkle, nicht selten scheinbar widersprüchliche
Andeutungen und Bezugnahmen. Etwa behauptet der erste
Satz des Textes gleich, dass das Dao, von dem man sprechen
kann, nicht das ewige Dao sei. Das Daodejing will natürlich
auch vom ewigen Dao sprechen – aber das kann nur
sehr indirekt geschehen.
Auf diese Art und Weise muss der Leser um unbestimmte,
leere Worte kreisen, um zu verstehen: Es geht um ein
Nichts, ein Unaussprechliches, das den Ursprung und
Wandel der Welt bildet, das Dao. Indem ein Mensch sein
Leben nach dem Dao ausrichtet, erhält er sein De.
Das De geht in der Sprache des klassischen Chinesisch
ursprünglich wahrscheinlich auf Vorstellungen einer
Kraft zurück, wie sie im China der Shang-Dynastie
mit der Gestalt der Schamanen assoziiert war, die eine
magische Kraft besaßen, die heute und in älteren
Zeiten mit dem Begriff des Qi (Ch'i) verbunden ist.
„In des Menschen Tiefe ruht die Möglichkeit
eines Mitwissens mit dem Ursprung. Ist die Tiefe verschüttet,
gehen die Wogen des Daseins darüber hin, als wenn
sie gar nicht wäre.“ (K. Jaspers, München
1957, S. 910)
Das Werk versucht, sich diesem Unnennbaren sprachlich
anzunähern. Wiederholt weist es jedoch darauf hin,
wie unzulänglich dieser Versuch bleiben muss („viele
Worte erschöpfen sich daran“, W5). Als Ursprung
und Ziel allen Seins durchzieht das Dao alle Erscheinungen
der Welt, es durchdringt als Naturprinzip alles, was
es gibt und was geschieht. Doch im Gegensatz zu allen
Dingen und Vorstellungen ist es ewig, ist, als wäre
es nicht. Es ist das Eigentliche und doch wie nichts,
leer. Diese paradoxe Aussage veranschaulicht Laozi anhand
von Gleichnissen. (11)
Der Mensch, so Laozi, kann die Wirkung des Dao auf
zweierlei Weise erkennen: Zum einen, indem er die Erscheinungen
der Welt beobachtet und das Dao am Werke sieht; zum
anderen, indem er seine Sinne verschließt und
sich von allen Erscheinungen der Welt abkehrt. Auf diese
Weise kann er das Dao unmittelbar erleben.
Taiji, das Symbol für „individuelles“
Yin und YangVon der ersten Weise zeugen die bei Laozi
zahlreichen Gleichnisse aus Natur und menschlicher Gesellschaft:
Das Wasser bahnt sich seinen Weg, indem es nachgibt
und unten bleibt. Ein Mensch, der viel besitzt, zieht
Räuber und Feinde an (Kap. 8 u. 9). Wer die Welt
beobachtet, so vermittelt es Laozi, wird feststellen,
dass sie sich unentwegt verändert, also stetem
Wechsel unterworfen ist. In diesem Wechsel aber wird
ein grundlegendes und unveränderliches Gesetz wirksam.
Es ist das Gesetz vom Ausgleich der Gegensätze.
(Schwer und leicht vollenden einander, lang und kurz
gestalten einander, hoch und tief verkehren einander,
Kap. 2). Hier greift Laozi eindeutig auf eine ältere
Tradition zurück, wie sie im Yijing (I Ging), dem
„Buch der Wandlungen“ festgehalten worden
ist. Im Yijing wird das Treiben der Welt aus der Wechselwirkung
von Yin und Yang erklärt, d.h. zweier gegensätzlicher,
jedoch komplementärer Prinzipien, wovon das eine
männlich, aktiv, hell etc. ist (Yang) und das andere
weiblich, passiv, dunkel etc. (Yin).
Weithin bekannt ist das Symbol Taiji, welches symbolisch
Yin und Yang in einem Kreis vereinigt. Der Kreis selbst
symbolisiert die Ureinheit dieser beiden Kräfte,
welche bei Laozi das Dao ist. Wer die Wechselwirkungen
der äußeren Welt studiert und das dahinterliegende
Prinzip erkannt hat, kann dieses Prinzip wiederum auf
die Welt anwenden. (Was du vernichten willst, das musst
du erst richtig aufblühen lassen. Wem du nehmen
willst, dem musst du erst richtig geben. W36).
Wu Wei
Eine Grundlage, die sich aus der Kenntnis um das Dao
ergibt, ist das Nicht-Handeln (Wu Wei). Dieses Nicht-Eingreifen
in allen Lebensbereichen erscheint dem westlichen Leser
zunächst utopisch und weltfremd. Es beruht auf
der Einsicht, dass das Dao, welches aller Dinge Ursprung
und Ziel ist, von selbst zum Ausgleich aller Kräfte
und damit zur optimalen Lösung drängt. Tun
ist für Laozi ein (absichtliches) Abweichen vom
natürlichen Gleichgewicht durch menschliche Maßlosigkeit.
Jede Abweichung hat darum eine (absichtslose) Gegenbewegung
zur Folge, die das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen
sucht.
„Die eigentliche Unabsichtlichkeit, die in ihrer
Einfachheit das Rätsel ist, ist vielleicht niemals
im Philosophieren so entschieden zur Grundlage aller
Wahrheit des Handelns gemacht worden wie von Laotse.“
(K. Jaspers, München 1957, S. 908)
Wessen Regierung still und unaufdringlich ist, dessen
Volk ist aufrichtig und ehrlich. Wessen Regierung scharfsinnig
und stramm ist, dessen Volk ist hinterlistig und unzuverlässig.
Das Unglück ist´s, worauf das Glück
beruht, das Glück ist es, worauf das Unglück
lauert. Wer erkennt aber, dass es das Höchste ist,
wenn nicht geordnet wird? Denn sonst verkehrt die Ordnung
sich in Wunderlichkeiten, und das Gute verkehrt sich
in Aberglaube. Und die Tage der Verblendung des Volkes
dauern wahrlich lange. W58
Indem der Mensch tut, was spontan den natürlichen
Gegebenheiten entspricht, greift er nicht in das Wirken
des Dao ein und wählt damit den segensreichen Weg.
Ein Mensch, so Laozi, der von gewolltem Tun ablässt,
wird nachgiebig und weich. Er stellt sich an die unterste
Stelle und erlangt dadurch den ersten Platz. Weil er
weich und biegsam ist wie ein junger Baum, überlebt
er die Stürme der Zeit. Weil er nicht streitet,
kann niemand mit ihm streiten. (66) Auf diesem Wege
lebt ein Mensch in Übereinstimmung mit dem Ursprung
des Lebens. Doch das Leben schließt auch den Tod
in sich ein. Und doch heißt es bei Laozi, wer
gut das Leben zu führen weiß habe keine sterbliche
Stelle (W50).
Moral ist Dürftigkeit
Ein Mensch des Dao lässt sowohl von persönlichen
Wünschen und Begierden, als auch von gesellschaftlich
anerkannten Zielen und Regeln ab. Insofern versucht
er auch nicht mehr, moralisch gut zu sein. Moral ist
bei Laozi bereits die Endstufe des Verfalls der Motive:
Ist der SINN verloren, dann das LEBEN. ... dann die
Liebe. ... die Gerechtigkeit. ... die Sitte. Die Sitte
ist Treu und Glaubens Dürftigkeit und der Verwirrung
Anfang. (W38) Die Regierung soll dem nicht Vorschub
leisten: Tut ab die Sittlichkeit, werft weg die Pflicht,
so wird das Volk zurückkehren zu Kindespflicht
und Liebe. (W19)
Hiermit steht Laozi in starkem Gegensatz zu der einflussreichen
Sittenlehre des Konfutse. Während jener Sitte und
Gesetz als Ausformungen der letzten Wahrheit hochhielt
und pflegte, verwarf Laozi alle Sitten als Verfallserscheinungen.
Erst wenn das Dao verloren sei, erfänden die Menschen
Sitten und Gebote. Das Festhalten an den Sitten entferne
den Menschen aber noch weiter vom natürlichen Tun
(38).
Desgleichen spricht Konfutse davon, bei der Regierungskunst
seien zunächst die „Namen“ (Worte)
richtigzustellen, von denen Laozi wiederum sagt, sie
seien nicht zu entbehren, um zu überschauen alle
Dinge (W21), aber sie träfen nicht deren ewiges
Wesen (1). Er empfiehlt den Verzicht: Macht selten die
Worte, dann geht alles von selbst. (W23) Der SINN als
Ewiger ist namenlose Einfalt. (W32) Aber viele Worte
erschöpfen sich daran. Besser ist es, das Innere
zu bewahren. (W5)
Menschenliebe
Das Daodejing fordert aber nicht nur das Nicht-Eingreifen,
sondern auch das Eintreten für den Mitmenschen,
die Güte und Nachsicht, ähnlich der christlichen
Nächstenliebe und Feindesliebe.
Dazu das Kapitel 62:
Der SINN ist aller Dinge Heimat,
der guten Menschen Schatz,
der nichtguten Menschen Schutz.
Mit schönen Worten kann man zu Markte gehen,
Mit ehrenhaften Wandel
kann man sich vor anderen hervortun.
Aber die nichtguten unter den Menschen,
warum sollte man die wegwerfen?
Darum ist der Herrscher eingesetzt,
und die Fürsten haben ihr Amt.
Ob man auch Zepter von Juwelen hätte,
um sie im feierlichen Viererzug zu übersenden,
nicht kommt das der Gabe gleich,
wenn man diesen SINN
auf seinen Knien dem Herrscher darbringt.
Warum hielten die Alten diesen SINN so wert?
Ist es nicht deshalb, daß es von ihm heißt:
„Wer bittet, der empfängt;
wer Sünden hat, dem werden sie vergeben“?
Darum ist er das Köstlichste auf Erden.
Erfahrung des Dao und Erlangung des De
Gemäß Laozi sollte ein Mensch das Dao erfahren.
Er beobachtet (mittels Meditation) nicht die Welt in
ihrem Wandel, sondern das Wirken des Dao in seiner Ewigkeit.
(Darum führt die Richtung auf das Nicht-Sein zum
Schauen des wunderbaren Wesens W1) Hier wird jener Aspekt
des Dao gesucht, der über das irdische Sein hinausweist
und vom Tod und Vergehen des Einzelnen unberührt
bleibt. Zu diesem Zweck verschließt der Suchende
seine Sinne vor den Eindrücken der Außenwelt
und dringt zum Innersten seiner selbst vor:
Man muss seinen Mund schließen und seine Pforten
zumachen, seinen Scharfsinn abstumpfen, seine wirren
Gedanken auflösen, sein Licht mäßigen,
sein Irdisches gemeinsam machen. (W56)
Ohne das Tor zu verlassen, kannst du das Erdreich erfassen;
Ohne durchs Fenster zu spähn, kannst du den Himmel
sehn. Je weiter wir hinausgegangen, desto geringer wird
unser Verstehn. (D47)
Diese Wendung nach innen, die Suche nach dem, was von
der äußeren Welt unbeeinflusst bleibt und
diese übersteigt, entspricht dem mystischen Weg
anderer Religionen. Angestrebt wird eine Vereinigung
mit dem Höchsten, ein Einswerden mit dem Ursprung,
wodurch der Mensch allen irdischen Bedrängnissen
entrückt und Teil der Ewigkeit wird. Darum misst
ein Mensch, der zum unmittelbaren Erlebnis des Dao vorgedrungen
ist, seinem irdischen Tod keine Bedeutung mehr zu. Er
ist tatsächlich unsterblich in dem Sinne, dass
er schon zu Lebzeiten in der Ewigkeit des Dao wandelt.
Leer und nachgiebig wie das Dao selbst, übt der
„Berufene“ natürlicherweise „De“.
Diese hohe Tugend wirkt in der irdischen Welt aber nicht
besonders prächtig. Im Gegenteil, der Heilige erscheint
wie ein Bettler, ein Dummer, ein Verrückter, ein
Stummer (W20,45). Auch ist sein Leben nicht frei von
Traurigkeit. Er leidet darunter, dass er unter den „Weltmenschen“
nicht mehr heimisch ist, im Vergleich zu ihnen kommt
er sich trübe und unnütz vor (W20). Trost
findet er bei der „Mutter“, dem nährenden
Ursprung aller Dinge, der ebenso wirr und trübe
ist wie er (W20/21). Der Ursprung wird bei Laozi häufig
als weiblich oder mütterlich umschrieben. Der Religionswissenschaftler
Friedrich Heiler vermutet, dass Laozi aus einem mutterrechtlichen
Kulturgebiet stammte (F. Heiler: „Die Religion
der Chinesen“, in: F.H.: „Die Religionen
der Menschheit“, 1991, 5. ).
Ein Mensch, der über De verfügt, leuchtet
dem Daodejing zufolge zwar nicht in den Augen seiner
Mitmenschen, doch wirkt er auf diese überaus wohltuend.
Er fügt niemandem Schaden zu, er übt Güte
gegenüber Freunden und Feinden, er verlangt nichts
für sich, sondern fördert durch sein Nicht-Tun
den segensreichen Lauf aller Dinge. Dem Suchenden ist
er ein Vorbild, dem weltlichen Menschen kein Hindernis.
Aus Laozis zahlreichen Ratschlägen, wie ein Staat
nach innen und nach außen zu führen (bzw.
nicht zu führen) sei, geht hervor, dass die Suche
eines Menschen nach De nicht in die strikte Abgeschiedenheit
führen muss. Zwar können Laozis Empfehlungen
für den „Herrscher“ auch mystisch interpretiert
werden, d.h. als Anweisungen, wie der unruhige Geist
gesammelt werden könne, doch Laozis eindringliche
Warnungen vor Krieg, ausbeuterischer Herrschaft, übertrieben
grausamen Gesetzen und pompösem Hofleben sind auch
konkret gemeint und belegen das Interesse des Mystikers
für die gesellschaftliche Realität. Darum
bringt der Berufene nach Laozi das Tao in und durch
alle menschlichen Aufgabenbereiche zur Vollendung: Als
Individuum, Familienoberhaupt, Bauer, Lehrer oder politische
Persönlichkeit dient er dem Dao und damit dem Wohl
der Allgemeinheit.
Das Daodejing und der Daoismus
Die Religion, die heute als Daoismus bekannt ist und
Laozi als Gott verehrt (siehe:Drei Reine), ist keine
direkte Umsetzung des Daodejing, obgleich sie mit diesem
Berührungspunkte hat und den Text als mystische
Anweisung zur Erlangung des Dao versteht. Sie rührt
jedoch auch aus den alten schamanistischen religiösen
Traditionen (siehe Fangshi) Chinas und dem Bereich der
chinesischen Naturphilosophie her, deren Weisheiten
und Vokabular wahrscheinlich auch im Daodejing zitiert
werden. Es gibt also traditionell mehrere Lesarten des
Textes. Weiter wurde der Text als Anleitung für
den Heiligen oder Weisen verstanden, womit man den Herrscher
meinte, der durch seine Verwirklichung des Dao und die
Strahlkraft seines De zum Wohl der Welt beiträgt.
Der Text stellt in dieser Lesart eine Staats- und Gesellschaftslehre
dar.
Des Weiteren wurde durch chinesische Kommentatoren
wie Heshang Gong, Xiang Er und Jiejie um 200 bis 400
n. Chr. systematisch eine andere Sicht formuliert, die
den Text als mystische Lehre zur Erlangung von Weisheit,
Zauberkräften und Unsterblichkeit auffasst, und
eng verbunden ist mit den alchimistischen Versuchen,
ein Lebenselixier zu finden.
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